Beweggründe

Wenn ich bei meinen Besuchen in unserem Projekt die Kinder und Jugendlichen zunächst in französischer, dann in afrikanischer und abschließend noch in deutscher Sprache begrüße, antworten alle Kinder auf Französisch. Keines der Kinder antwortet in der eigenen Muttersprache, obwohl alle diese Sprache beherrschen. Ähnliches geschah in einer Bank in Togo. Ich sprach den Bankmitarbeiter auf Ewe an, er antwortete in französischer Sprache. Auf meine zweite Frage, die ich wiederum auf Ewe stellte, antwortete er erneut auf Französisch. Daraufhin sprach ich ihn an, dass wir auch uns in deutscher Sprache unterhalten könnten, doch da antwortete er lieber auf Ewe.

Auch mir war als Kind nicht bewusst, dass wir eine eigene Sprache haben. Man hatte uns beigebracht, unsere Sprache nur wie einen Dialekt zu benutzen.

1848, also schon vor 161 Jahren, hat der Deutsche Missionar Lorenz Wolf die Grundzüge der alten afrikanischen Sprache „Ewe“ in einem Lehrbuch dokumentiert.
 Bis 1960, während der Zeit der Kolonialbesetzung, wurde diese afrikanische Sprache verpönt. Die Kolonialmächte bezeichneten „Ewe“ als die Sprache der Ureinwohner und es wurde in den Schulen nur noch die französische Sprache unterrichtet. Erst seit 1975 ist es in den afrikanischen Schulen von Togo wieder erlaubt, in der Muttersprache „Ewe“ zu unterrichten. Doch stellt man heute der Bevölkerung Togos eine Frage in ihrer eigenen Sprache, erhält man die Antwort auf Französisch.

Es scheint nicht opportun zu sein, die eigene Muttersprache zu sprechen. Den Hintergrund für dieses Verhalten sehe ich in der früher vermittelten Meinung, dass es zivilisierter und intelligenter sei, spräche man in der französischen Sprache. Viele Togoer antworten aus diesem Grunde nicht mehr in ihrer eigenen Sprache. Die älteren Togoer hingegen sind oft der französischen Sprache nicht mächtig. Sie können an öffentlichen Entscheidungen oder Diskussionen nicht teilnehmen, da viele junge Leute nicht in der afrikanischen Muttersprache sprechen. So verstehen sie viele Dinge, die in ihrem eigenen Land geschehen, nicht und können ihre Erfahrungen und Ratschläge auch nicht weitergeben. Diese Entwicklung führt dazu, dass die eigene Muttersprache immer mehr verdrängt wird.

Wie können aber Sprache und Kultur – und damit Tradition und eigene Wertschätzung weitergegeben werden, wenn es dafür keinen Raum gibt, kein eigenes Kulturinstitut??

Der Kolonialherrscher Hübbe-Schleiden wolle mit Macht seine Kolonial-Ideologien bei den afrikanischen Völkern durchsetzen. Er war der Meinung, die Afrikaner hätten keine Kultur, sie seien nicht zivilisiert. Sie glaubten nicht an die Existenz Gottes und kannten die Bibel nicht. Er wollte die afrikanische Kultur vernichten und der Bevölkerung seine Weltanschauung nahelegen. Doch bereits 1884 erkannte der deutsche Missionar Michael Zahn, dass die Sprachen und Kulturen der afrikanischen Völker erhalten bleiben mussten und setzte sich dafür ein.

Man braucht kein Prophet zu sein um zu verstehen, weshalb heute einige Afrikaner ihre eigene Kultur und Tradition mit den Füßen treten, westliches Leben als Ideal anstreben und das eigene Land verlassen.

Wie oft habe ich von Müttern, die älter als sechzig Jahre alt waren, gehört, dass z. B. das traditionelle togoische Neujahrsfest (Epe-Ekpe) eine Sünde sei. Diese Zeremonie sei ein Widerspruch zur Bibel. Fragt man allerdings einige Togoer oder Afrikaner, wer denn die Bibel geschrieben hat, werden einem Geschichten erzählt, die in keinen Zusammenhang mit der Bibel stehen und die auch keinen Sinn ergeben.

Man darf auch nicht überrascht sein, wenn die Menschen in den abgelegenen Dörfern wegen eines Hasen oder einer kleinen Ratte freiwillig Buschfeuer legen.

Auch wundert sich heute niemand, dass man in den abgelegenen Dörfern keine Speicher oder Dachböden für Mais oder andere Agrarprodukte mehr findet.
Es liegt nicht daran, dass die ersten Kolonialherren den afrikanischen Vorfahren beigebracht haben, dass Mais nur für das Vieh bestimmt ist. Auch nicht an den unglücklichen Jägern, die Wälder verbrannt haben, um ihren Hunger zu stillen – sondern an der Meinung einiger westlicher Experten, die den afrikanischen Bauern erzählten, der Einsatz von Genprodukten sei sinnvoll. Genprodukte seien resistenter gegen Insekten und auch die Ernte würde größer sein. Die ersten „Gen-Samen“ wurden sogar kostenlos verteilt.
Wie in jedem Jahr legten die Bauern einige Samen für die Aussaat im kommenden Jahr beiseite. Aber was für eine katastrophale Überraschung! Wo blieben die neuen Stecklinge – wo blieb die neue Ernte? (Hybridpflanzen ist nämlich nicht fortpflanzungsfähig.) Erstaunt stellten die Bauern dann auch noch fest, dass die kostenlose Samenverteilung eingestellt wurde und der neue Samen nun teuer gekauft werden muss. Aber wie und wo? Natürlich besitzen nur westliche Händler die Lizenz, genmanipuliertes Saatgut zu verkaufen.

So haben zum Beispiel die Fischer an der Atlantikküste – die nach vielen Jahren nicht mehr mit leeren Netzen in ihren alten Barken nach Hause kommen wollten – immer gedacht, die Götter der Meere seien wütend und sie müssten ein Opfer bringen. Sie dachten, sie müssten ein Rind, eine Ziege oder einen Hahn opfern, um den Zorn der Götter zu besänftigen.
Wenn sie gewusst hätten, dass seit Jahren große Firmen mit ihren modernen Schiffen das ganze Jahr über die Meere leer fischen – sie hätten anders gedacht! Sie hätten bemerkt, dass die Versprechungen der Welt-Bank, UNO oder EU ein blanker Hohn sind.

Sehr vielfältig sind die Gründe für die afrikanische Migration:
– Die politischen Krisen wie der Krieg, die Diktatur und die Diskriminierung verursachen das Gefühl der Entfremdung.
– Gleichfalls gib es die ökonomischen Krisen, mit der starken Armut um sich herum und mit der hohen Arbeitslosigkeit aus Mangel an Infrastruktur, aus Mangel an guter Ausbildung und einer guten ökonomischen Politik.
Diese Faktoren vermehren den Wunsch, in die Fremde zu gehen, weit weg von den unerträglichen Zuständen.
– Dazu kommt noch ein chronisches Ungleichgewicht zwischen den afrikanischen und den europäischen Staaten. Europa wird durch Reden und Bilder stark idealisiert, sodass die Afrikaner davon nur schwärmen können.

Aufgrund ihrer unsicheren Zukunft träumt die Jugend von diesen vermeintlichen Eldorados, wo Freiheit, Friede, Wohlbehagen und Reichtum herrschen und wo es an Arbeitsplätzen nicht mangelt.

Das sind die Gründe, die Millionen Afrikaner dazu drängen, dem Elend und dem Umherirren entkommen zu wollen und die dann später auf dem Mittelmeer verhaftet werden oder schlimmstenfalls Europa nie erreichen und ertrinken.

Das, was ich beschrieben habe geschieht in Unwissenheit. Es mangelt an kultureller Entwicklung und an der – für die heutige Lebenssituation – fehlenden Bildung. Deshalb haben wir mit dem Bau des Kulturzentrums “Koklo ku ato“ den Togoern die Möglichkeit gegeben, sich eigenständig weiterzubilden, kritisch die Entwicklungen zu beobachten und ihre Kultur zu bewahren.


Man braucht kein Prophet zu sein um zu verstehen, weshalb heute einige Afrikaner ihre eigene Kultur und Tradition mit den Füßen treten und westliches Leben als Ideal anstreben und dabei die positive Entwicklung des eigenen Landes nicht mehr als Ziel sehen. Unterstützt durch die internationale Politik führt alles zusammen zu einer Fehlentwicklung, die viele Afrikaner noch noch einen Wunsch hegen lassen. Das eigene Land, die Misswirtschaft, die undemokratischen Strukturen und das ganze Elend hinter sich zu lassen und das eigene Land verlassen.

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